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"MIOS ist keine Technik. Es ist eine Denkweise": Klinische Einblicke von erfahrenen MIOS-Chirurgen

4 Min. Lesezeit|Veröffentlicht Juni 2, 2026
Dr. Javier Gutierrez spricht auf dem Materialise CMF Innovation Summit. Auf dem Bildschirm hinter ihm erscheinen die Worte "FAST AND NOT FURIOUS", "Diminish tissue trauma", "Blood supply" und "Minimize bleeding", verbunden durch Pfeile.

Die minimalinvasive orthognathe Chirurgie ermöglicht kleinere Zugänge – stellt das Operationsteam jedoch vor eine entscheidende Frage: Wie lässt sich Präzision und Kontrolle bewahren, wenn Sicht und Zugang eingeschränkt sind? Für Chirurginnen und Chirurgen, die MIOS anwenden, liegt genau darin der Schlüssel zu einer planbaren und vorhersagbaren chirurgischen Umsetzung.

Im Webinar Mastering MIOS: Klinische Einblicke, Tipps und Tricks sowie reale Fälle zeigten Dr. Javier Gutierrez und Dr. Valerio Ramieri, wie sie diese Herausforderungen in ihrer täglichen klinischen Praxis meistern. Im Mittelpunkt standen nicht außergewöhnliche Einzelfälle, sondern die Entscheidungen, Arbeitsabläufe und die Zusammenarbeit im Team, die dazu beitragen, Unsicherheiten zu reduzieren und planbare Ergebnisse zu erzielen. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Prinzipien zusammen, mit denen sich Vorhersagbarkeit in der MIOS-Chirurgie erreichen lässt.

1. Die MIOS-Denkweise verstehen

Dr. Gutierrez machte gleich zu Beginn deutlich, dass MIOS weit mehr ist als eine neue Operationstechnik – es ist ein anderer chirurgischer Ansatz. Kleinere Zugänge, patientenspezifische Instrumente und moderne Fixationskonzepte unterstützen diesen Ansatz. Entscheidend ist jedoch, wie der Eingriff geplant, umgesetzt und potenzielle Risiken bereits im Vorfeld berücksichtigt werden.

Für ihn entsteht Vorhersagbarkeit durch Konsequenz und bewusstes Handeln. MIOS bedeutet, das Weichteiltrauma zu minimieren, den operativen Zugang so klein wie möglich zu halten und auf Techniken zu setzen, denen der Chirurg voll vertraut. Fehlt dieses Vertrauen, geht Vorhersagbarkeit verloren. Wie er später betonte, steht die Patientensicherheit dabei immer an erster Stelle.

Auch Dr. Ramieri ist der Meinung, dass sich seine eigene Technik und Denkweise seit der Einführung von MIOS weiterentwickelt haben. Für ihn umfasst Vorhersagbarkeit nicht nur die Präzision des Eingriffs, sondern ebenso die Erholung der Patienten und deren postoperativen Verlauf.

„Wir machen das nicht für uns. MIOS ist für unsere Patienten – davon bin ich fest überzeugt.“

Dr. Valerio Ramieri beim Materialise CMF Innovation Summit.

2. Vorhersagbarkeit beginnt mit einer patientenspezifischen, gesichtsorientierten Planung.

Für beide Chirurgen beginnt Vorhersagbarkeit beim Patienten – nicht bei der Software.

„Alles beginnt im ersten Patientengespräch – noch bevor Software oder Messungen ins Spiel kommen“, erklärt Dr. Gutierrez. „Ich gleiche zunächst die Erwartungen des Patienten ab, analysiere die Gesichtsdynamik und entwickle daraus mein gesichtsorientiertes Behandlungskonzept. So beginne ich jeden einzelnen Fall.“

In dieser Phase stehen noch keine Bewegungen oder Messwerte im Mittelpunkt. Entscheidend ist zunächst, die Ziele und Erwartungen des Patienten zu verstehen und daraus eine individuelle Behandlungsstrategie abzuleiten. Jede Planung sollte sich an der individuellen Gesichtsharmonie und den Erwartungen des Patienten orientieren.

Dr. Javier Gutierrez und zwei weitere Ärzte nehmen an einer Diskussionsrunde auf dem Materialise CMF Innovation Summit teil.

Wie Dr. Gutierrez zusammenfasst: „Die Ästhetik folgt der Funktion. Wo Harmonie entsteht, steckt auch Funktion dahinter.“

3. Eine präzise Diagnose muss die dreidimensionale Realität abbilden.

„Wir leben nicht in einer zweidimensionalen Welt.“

Eine präzise Diagnostik erfordert mehr als statische Analysen, erklärt Dr. Gutierrez. Standardisierte, kalibrierte Fotografien bleiben ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik – vorausgesetzt, sie werden konsequent und reproduzierbar erstellt. Vor der Auswertung richtet er die Aufnahmen an der echten Vertikalen aus und korrigiert die Kopfposition sorgfältig.

„Ein Foto bleibt ein Foto – hier jedoch sehen wir alle Informationen, die wir für unsere Planung benötigen.“ Wie verläuft die Mittellinie? Wie ausgeprägt ist der bukkale Korridor? Wie breit ist die Maxilla? Wie lächelt er?"

Profilaufnahmen helfen zusätzlich, das Weichteilverhalten und die postoperative Gesichtsbalance besser vorherzusagen. Statische Bilder können die tatsächliche Funktion jedoch nur eingeschränkt abbilden. Deshalb setzt Dr. Gutierrez ergänzend auf Videoaufnahmen. Natürliche, ungezwungene Gesichtsausdrücke helfen dabei, die Planung an der tatsächlichen Mimik und Funktion des Patienten auszurichten.

„Wir leben nicht in einer zweidimensionalen Welt.“ „Der Mensch ist dreidimensional.“ „Er bewegt sich.“ Sie haben Leben. „Ich möchte diesen spontanen Moment des Lächelns erfassen, denn genau dort zeigen sich die echte Ästhetik und die tatsächliche Funktion.“

4. Software schafft eine gemeinsame Grundlage für das gesamte Behandlungsteam.

Sobald das klinische Ziel definiert ist, geht es darum, dieses zuverlässig in die Planung, die Zusammenarbeit im Team und schließlich in die operative Umsetzung zu übertragen. Genau hier entscheidet sich in der MIOS-Chirurgie, ob Vorhersagbarkeit entsteht – oder verloren geht. 

Software spielt dabei eine wichtige Rolle – allerdings nicht so, wie häufig angenommen wird. Es geht nicht in erster Linie um Visualisierung oder Effizienz. Ihr eigentlicher Mehrwert liegt darin, ein gemeinsames Verständnis zwischen allen Beteiligten zu schaffen – Chirurg, Kieferorthopäde, Clinical Engineer und Patient.

Deshalb empfiehlt Dr. Gutierrez, sich selbst intensiv mit den Bilddaten auseinanderzusetzen, anstatt deren Interpretation vollständig zu delegieren. Die frühzeitige, direkte Auseinandersetzung mit den Bilddaten verbessert das Verständnis und reduziert Missverständnisse im weiteren Behandlungsverlauf.

„Ich ermutige meine Kolleginnen und Kollegen immer dazu, den CT-Datensatz selbst intensiv zu analysieren.“ Es gibt viele DICOM-Viewer mit hervorragenden Visualisierungsmöglichkeiten. Entscheidend ist jedoch, dass man den Datensatz aktiv erkundet – das Weichteilgewebe beurteilt, die MPR-Schnitte analysiert und die Anatomie wirklich versteht, bevor die 3D-Planung beginnt."

Ein Mann mit Kopfhörern schaut auf einen Computerbildschirm, auf dem die Materialise Enlight CMF-Software zu sehen ist.

Außerdem zeigte er, wie die Visualisierung von STL-Daten die Zusammenarbeit mit Kieferorthopäden verbessert.

„Mit STL-Viewern können Sie Ihre STL-Daten interaktiv analysieren. Gleichzeitig schaffen sie eine gemeinsame Sprache zwischen Chirurg und Kieferorthopäde.“

Eine gemeinsame digitale Datengrundlage schafft Konsistenz und erhöht die Zuverlässigkeit der präoperativen Planung. Für Dr. Ramieri ist die Ausrichtung ein entscheidender Punkt, an dem Planungsplattformen wie Mimics Enlight CMF zum Einsatz kommen.

„Wenn die eigentliche Planung beginnt, arbeite ich sehr gerne mit der neuen Version von Mimics Enlight CMF. Die Software ist intuitiv, effizient und unterstützt den gesamten Planungsprozess. Sie erleichtert die Kommunikation zwischen Chirurg, Kieferorthopäde und Patient und macht die gemeinsame Planung deutlich einfacher.“

Die eigentliche Stärke der Software liegt nicht nur in der Workflow-Integration oder Kommunikation. Entscheidend ist, dass sie bereits vor dem Eingriff ein gemeinsames Verständnis innerhalb des gesamten Behandlungsteams schafft. Eine klare Kommunikation hilft, Planungsabweichungen frühzeitig zu vermeiden

5. Präzise Umsetzung ermöglicht minimalinvasive Zugänge.

Im OP zeigt sich, wie zuverlässig die Planung umgesetzt werden kann. In der Vergangenheit schränkten größere Führungen und Platten die Machbarkeit von MIOS ein. Moderne patientenspezifische Designs ermöglichen heute eine hohe Präzision auch bei kleineren Zugängen – eine Entwicklung, die Dr. Gutierrez aus seiner eigenen klinischen Erfahrung bestätigt. In einem seiner Fälle sorgte die zahngetragene Unterstützung für Genauigkeit und ermöglichte gleichzeitig einen minimalinvasiven Ansatz.

„Gemeinsam mit dem Materialise Clinical Engineer haben wir ein minimalinvasives Schablonensystem entwickelt – mit zwei separaten Schablonen, jeweils eine pro Seite.“ Nur mit einem solchen Design lässt sich dieser minimalinvasive Ansatz zuverlässig umsetzen.“

Gleichzeitig betonte er, dass Vorhersagbarkeit weniger von einer bestimmten Designphilosophie abhängt als vom Vertrauen des Chirurgen in den gewählten Ansatz.

„In der Literatur findet man nahezu jede denkbare Schablonenkonstruktion. Heute ermöglicht die Technologie eine individuelle Gestaltung der Schablonen. Unterschiedliche Designs können dabei gleichermaßen die erforderliche Präzision erreichen."

Dasselbe gilt für die Wahl der Fixationsstrategie – entscheidend sind Stabilität und das Vertrauen des Chirurgen in den gewählten Ansatz.

„Eine häufige Frage lautet, ob eine oder zwei Platten verwendet werden sollten. Die wissenschaftliche Literatur unterstützt beide Konzepte. Wenn Sie einem MIOS-Ansatz nicht vertrauen, sollten Sie ihn nicht anwenden. Vertrauen Sie Ihrem klinischen Urteil. Am wichtigsten ist der Patient – und seine Sicherheit steht immer an erster Stelle.“. Der Patient kommt immer zuerst."

Ein vernetzter Workflow schafft Vorhersagbarkeit.

Wie beide Referenten eindrucksvoll gezeigt haben, geht es bei MIOS nicht darum, Eingriffe einfacher zu machen – sondern kontrollierbarer. Vorhersagbarkeit entsteht nicht durch ein einzelnes Instrument, eine Technik oder eine Software, sondern durch das Zusammenspiel von Planung, Zusammenarbeit und präziser Umsetzung. Sie entsteht durch einen konsequenten, gemeinsamen Ansatz – von der Fallbewertung über die Planung bis hin zur interdisziplinären Zusammenarbeit Wenn diese Elemente in einem vernetzten Workflow zusammenkommen, wird Variabilität reduziert und Vorhersagbarkeit Teil des klinischen Alltags.

L-105312-01


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