Anna Fischer, Stephanie Benoit Juli 30, 2018

Nichts steht so sehr für die ferne Vergangenheit wie das Bild eines Mammuts. Die Verwandten der heutigen Elefanten bevölkerten in der Eiszeit die Ebenen Europas, Nordasiens und Nordamerikas. Ihr dicker, wollener Pelz schützte sie vor der Eiseskälte. Vor 12.000 Jahren starben die Mammuts auf dem Festland aus, vor 4.000 Jahren verschwanden auch die letzten Populationen von den Inseln. Ganz haben uns die Mammuts aber nicht verlassen. Noch heute finden wir Überreste, die uns mehr darüber erzählen, wie diese Riesen vor Tausenden Jahren gelebt haben. Das erste in Westeuropa ausgestellte Mammut wurde im belgischen Lier gefunden. Das Originalskelett steht seit mehr als 100 Jahren in einem Museum in Brüssel – nun wird ein vollständiges Replikat im 3D-Drucker angefertigt, das in Lier ausgestellt werden soll.

Wir haben uns mit Mietje Germonpré, einer Paläontologin am Königlichen Belgischen Institut für Naturwissenschaften in Brüssel und Spezialistin für eiszeitliche Säugetiere, getroffen, um mehr über das Mammut von Lier zu erfahren – und wie man den uralten Überresten mit 3D-Druckverfahren neues Leben einhaucht.

Das Mammut von Lier in seinem Original-Ausstellungszustand von 1886 | © Königliches Belgisches Institut für Naturwissenschaften

 

1. Können Sie uns sagen, wie das Mammut von Lier gefunden wurde?

Das Mammut wurde bei Bauarbeiten am Fluss Nete gefunden. Es war sofort klar, dass es sich um einen bedeutenden Fund handelt, sodass das Museum in Brüssel kontaktiert wurde. Insgesamt wurden die sterblichen Überreste von drei Mammuts gefunden, eines der Skelette war sogar fast vollständig erhalten. Das Institut hat sich entschlossen, das Skelett wiederherzustellen und öffentlich auszustellen. Fehlende Teile wurden aus Holz nachgebaut. Zu dieser Zeit war nur in Sankt Petersburg bereits ein zusammengesetztes Mammutskelett ausgestellt, das Mammut von Lier war also das erste seiner Art in Westeuropa.

 

2. Wie wurde das Mammut im Museum ausgestellt?

Die Art und Weise wie alles zusammengesetzt wurde, war schon etwas Besonderes! Das Museum entwickelte eine freistehende Stützstruktur, was für diese Zeit einer Innovation glich. Das hatte zwei Vorteile: Die Knochen mussten nicht angebohrt werden (was sie beschädigt hätte) und jeder Knochen konnte zur Untersuchung problemlos aus dem Gesamtkonstrukt entnommen werden.

The Mammoth of Lier at the Royal Belgian Institute of Natural Sciences | © Royal Belgian Institute of Natural Sciences

3. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit Materialise?

Ich wurde von Materialise kontaktiert. Gemeinsam mit den Ingenieuren habe ich mir dann das erste Scanbild des Mammutskeletts angesehen. Wir haben einen oberflächlichen Blick auf die virtuelle Konstruktion geworfen und darauf, wie das Skelett im 19. Jahrhundert aufgebaut wurde. Einige Punkte konnten wir dadurch verbessern. In einer späteren Projektphase besuchten die Ingenieure das Museum, um das zusammengesetzte Skelett zu untersuchen. Wir haben dort die Rekonstruktion zusammengehöriger Knochen wie Wirbelsäulen- oder Unterschenkelknochen mit dem Originalskelett verglichen und uns Gedanken darüber gemacht, wie wir sie wissenschaftlich genauer darstellen können.

4. Wie haben Sie es geschafft, die Rekonstruktion genauer zu gestalten?

Das Skelett wurde vor über 150 Jahren zusammengesetzt – seitdem haben sich unsere Kenntnisse um die Anatomie von Mammuts erheblich verbessert. Beispielsweise gingen die Forscher im 19. Jahrhundert davon aus, dass die Länge des Mammutschwanzes der von Elefanten gleicht. Durch den Fund gefrorener Mammutleiber in Sibirien wissen wir heute jedoch, dass sie viel kürzer sind. Dies war eine tolle Gelegenheit, das Skelett virtuell an die neu erlangten Erkenntnisse hinsichtlich der Anatomie anzupassen. Die fehlenden Knochen wurden zwar aus Holz nachgebaut, wir haben uns bei der Rekonstruktion allerdings auf das Spiegeln vorhandener Knochen festgelegt, wodurch deren Darstellung erheblich genauer wird. Der 3D-Druck hat es uns ermöglicht, ein genaueres Abbild des Mammuts zu erzeugen.

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Drucken der Stoßzähne auf unserem Mammoth-Stereolithographiedrucker

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Digitale Rekonstruktion des Mammuts

5. Welchen Einfluss kann 3D-Druck auf die Paläontologie haben?

3D-Druck und virtuelle Rekonstruktion sind sehr nützlich. Wenn wir mal ein äußerst wertvolles Exponat haben, ist es einfacher und sicherer an einer exakten Kopie zu arbeiten. Das Risiko ein Teil bei der Arbeit an dem Nachbau zu beschädigen, ist doch deutlich geringer. Außerdem können mehrere Wissenschaftler auf der ganzen Welt dank digitaler Rekonstruktion an ein und demselben Exponat forschen. Auch wird 3D-Druck häufig dazu verwendet, um fehlende Knochen eines Skeletts nachzubauen. Dieses Projekt hebt sich davon aber in vielerlei Hinsicht ab, da hier das erste Mal überhaupt ein vollständiges Skelett in Lebensgröße gedruckt wird.

 

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Das Mammut wird im September 2018 in Lier enthüllt. Lesen Sie in der Zwischenzeit mehr über unsere vorherigen Projekte wie den Pharao Tutanchamun und Ötzi, den berühmten steinzeitlichen „Mann aus dem Eis“.

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